Neurotheologie

Neurotheologie

Beitragvon Max » So 8. Okt 2006, 21:26

Neurotheologie ist eine Bezeichnung für eine relativ junge Richtung der neurowissenschaftlichen Forschung, der „Neurophysiologie religiöser Erfahrung“. Gegenstand ist der Versuch, religiöse Phänomene (beispielsweise Erfahrungen einer „höheren Wahrnehmung“) auch als neurowissenschaftliche Phänomene zu beschreiben.

Experimente, in denen mit von außen angelegten magnetischen Feldern (Transkranielle Magnetstimulation TMS), das Gefühl der Präsenz einer „höheren Wirklichkeit“ erzeugt werden konnte, machten den kanadischen Neurologen Michael Persinger bekannt. Manche seiner Probanden sprachen davon, von Gott berührt worden zu sein. Allerdings sind die Experimente und die darauf aufbauenden Erklärungen von Persinger nicht umunstritten. So gelang es bis jetzt nicht seine Versuch zu wiederholen und einige Forscher werfen ihm methodische Mängel bei der Versuchsdurchführung vor. Zudem war den meisten Probanden und Untersuchern bekannt, worum es in der Studie ging, weshalb die These aufgestellt wurde, dass die Ergebnisse zu grossen Teilen auf eine unbewusste Beeinflussung der Probanden durch die Versuchsleiter zurückzuführen ist.

Bildgebende Verfahren setzte Andrew Newberg von der University of Pennsylvania ein, um der Meditationserfahrung neurowissenschaftlich näher zu kommen. Die Ergebnisse bezog er in neurobiologisch begründbare Theorien zur Bildung von Mythen und Ritualen ein. Newberg wurde zu einem der bekanntesten Vertreter dieser Forschungsrichtung. In Deutschland machte sich vor allem Detlef Linke (1945 - 2005) in mehreren Büchern und Vorträgen einen Namen.

Neben Philosophen wie Thomas Metzinger haben zuletzt auch Theologen wie Eugen Drewermann und Hans Küng sowie Religionswissenschaftler wie Michael Blume konstruktiv-kritische Beiträge zur "Neurotheologie" aus der Perspektive ihrer jeweiligen Disziplinen heraus beigesteuert. Hinzu kommt, dass sich immer mehr Neurologen differenzierter mit der Thematik befassen. Es entstehen Ansätze eines interdisziplinären Dialoges zwischen Natur-, Kultur- und Geisteswissenschaften.

Religiöse Deutungen
Vereinzelt zu beobachten sind auch Versuche religiöser Deutungen neurobiologischen Geschehens, z.B. bei Laurence McKinneys Buch Neurotheology, das sich um eine neurologische Legitimation des Buddhismus bemüht.

Andere Neurotheologen äußerten die Vermutung wird erörtert, die stimulierbaren Regionen des Gehirns seien ein Art „Mailbox Gottes“, durch die der Heilige Geist Gottes dem Menschen, der betet, seine Antworten und Informationen in Form von Eingebungen und Erleuchtungen zukommen lässt.

In der populären Mem-Theorie, die auf den Biologen Richard Dawkins zurückgeht, wird angenommen, Religion folge aus einer Invasion des biologischen Gehirns durch Meme. Die Church of Virus - http://www.churchofvirus.org - versteht sich halb-ironisierend als erste memetische Internetkirche und verwendet das Bild eines Hirnscans quasi-ikonisch.


Kritik an der frühen Neurotheologie
Solche Aussagen beschreiben aber auch schon das wissenschaftliche Problem der Disziplin: in dem Moment, in dem Aussagen über die Existenz oder Nichtexistenz des „lebendigen (dynamischen) Gottes“ bzw. transzendenter Bezüge gemacht werden, betritt die Wissenschaft den religiösen Bereich bzw. versucht religiöse Aussagen naturwissenschaftlich zu begründen oder zu widerlegen. Auch haben sich Religionsdefinitionen, die sich auf nur je eine Erfahrung stützen wollten, regelmäßig als unzureichend erwiesen – Religionen fußen generell auf einer Vielzahl unterschiedlicher Erfahrungen und sind in sich auch Veränderungen unterworfen.

Auch manche Philosophen äußern Kritik an den radikalen neurobiologischen Theorien. Hauptproblem vieler neurotheologischer Schlussfolgerungen sei dabei die philosophisch unzureichende Reflexion ihrer ontologischen und erkenntnistheoretischen Annahmen. Auch wird beanstandet, dass häufig ein Materialismus und/oder Determinismus den Forschungen zu Grunde gelegt, sowie eine illegitime Verallgemeinerung einzelwissenschaftlicher Forschungsergebnisse praktiziert würde.


Neuere Entwicklungen
Neuere neurotheologische Entwürfe entfernen sich daher von den eindimensionalen Ansätzen und versuchen im Dialog mit anderen Disziplinen Teilbeschreibungen verschiedener religiöser Elemente (beispielsweise Meditationserfahrungen, Ritualpraktiken, Konstruktion und emotionale Bewertung von Glaubenserzählungen usw.) aufzunehmen. Auch erkenntnistheoretische Grenzen werden von Hirnforschern zunehmend eingeräumt.

Entsprechend zeichnen sich zunehmend interdisziplinäre und konkrete Ansätze der interdisziplinären Zusammenarbeit ab. Ein rezentes Beispiel aus Deutschland ist die Debatte um eine von Detlef Linke formulierte These zum Zusammenhang von der unterschiedlichen neurologischen Bearbeitung verschiedenener Alphabetschriften und Folgen für die religiöse Erfahrung. Auch jüngere Religionswissenschaftler wie Michael Blume weisen hier aus der Perspektive ihrer Disziplin auf die Möglichkeit wissenschaftlicher Relevanz hin und setzen sich für eine interdisziplinäre Diskussion und Überprüfung der Linkeschen These ein.

Eugen Drewermann legte mit Atem des Lebens sogar eine umfassende Darstellung neurologischer Befunde vor, die er aus theologischer Perspektive diskutiert. Statt auf die älteren Thesen um Gottmodule u.ä. stehen bei ihm dabei bereits modulare Ansätze zur Vielfalt religiöser Phänomene im Mittelpunkt.

Die „Neurotheologie“ wächst damit langsam aus dem Stadium der überzogenen Sensationsmeldungen und religiöser Deutungsansprüche heraus und entwickelt sich auch im Gespräch mit Theologie und Philosophie zu einer ernsthaften Teildisziplin interdisziplinärer Religionswissenschaft bzw. Religionsbiologie.

(aus Wikipedia)
Max
 
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