Die Konsenstheorie der Wahrheit

Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon Myron » Sa 1. Dez 2012, 22:18

ujmp hat geschrieben:Ok, nicht zu jedem Begriff. Aber vielleicht zu einigen? -diese würden dann die Klasse der "wahren Begriffe" bilden.


Ein Begriff oder Begriffswort/-ausdruck (Prädikat) entspricht entweder keiner Eigenschaft/Beziehung, einer Eigenschaft/Beziehung oder mehreren Eigenschaften/Beziehungen; und umgekehrt entspricht eine Eigenschaft/Beziehung keinem Begriff/Begriffswort, einem Begriff/Begriffswort oder mehreren Begriffen/Begriffswörtern.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon ujmp » Sa 1. Dez 2012, 22:56

"Wahre Begriffe" ist ein blöder Ausdruck. Es gibt aber mit der Realität korrespondierende Begriffe. Ein Begriff kann mit Eigenschaften korrespondieren. "Rot" korrespondiert mit einer bestimmten Wahrnehmung. Ich meine nicht "mit roten Gegenständen", sondern mit einem gleichförmigen Reiz im Auge, der durch unterschiedliche Gegenstände angeregt wird, welche ein Lichtspektrum mit bestimmten Wellenlängen emittieren. Frag im Kaufhaus eine Verkäuferin nach roten Socken. - Wenn sie dir bringt was du bei dem Begriff "rot" erwartest, darfst du vermuten, dass ihr Begriff "rot" mit der selben Farbe korrespondiert, wie deiner.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon Myron » Sa 1. Dez 2012, 23:09

ujmp hat geschrieben:"Wahre Begriffe" ist ein blöder Ausdruck. Es gibt aber mit der Realität korrespondierende Begriffe.


Ich unterscheide zwischen erfüllten und unerfüllten Begriffen. Ein Begriff X ist genau dann erfüllt, wenn es unter ihn fallende (wirkliche) Gegenstände und damit wahre Aussagen der Form "y fällt unter den Begriff X" gibt. Zum Beispiel ist der Begriff <Hund> erfüllt, was aber nicht per se bedeutet, dass es eine entsprechende universelle Eigenschaft des Hundseins oder der Hundheit gibt.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon ujmp » Sa 1. Dez 2012, 23:46

Ich glaube überhaupt nicht an "universelle Eigenschaften". Eigenschaften sind m.E. Wahrnehmungen die unsere Sensorik liefert, z.B. liefert das Auge die Farben. Begriffe, die mit etwas wirklichem korrespondieren, können sehr komplexe Wahrnehmungen bezeichnen, z.B. "Hund". Und auch vage, unscharfe Begriffe können mit etwas wirklichem korrespondieren, z.B "orangerot". Evtl sollte man dann von Korrelieren sprechen. Man könnte in diesem Sinne schon von "Hundheit" sprechen, wie man von "rötlich" spricht. "Hundheit" ist dann einfach eine wiederkehrende unscharfe komplexe Wahrnehmung, die wir mit diesem Begriff bezeichnen. Ich befürchte aber dieses "genau dann" gibt es nur in der Mathematik.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon Vollbreit » So 2. Dez 2012, 09:22

@ Myron:

Stimmt, Behauptungen und Aussagen sind Synonyme, wusste ich gar nicht.
Nur sie können Wahrheit beanspruchen.

Was ist eigentlich mir Sätzen wie: „Mir ist kalt.“ oder „Ich habe Hunger.“?
Die meinte ich eigentlich als Gegensatz zur Behauptung (was aber falsch ist).
Sie stellen ja eine Behauptung dar, gleichzeitig ist der einzige, der kompetent ist zu bewerten, ob es sich um eine Tatsache handelt, der Aussagende selbst.

Vielleicht sind diese Art von Sätzen ja diejenigen, derentwegen man darauf gekommen ist eine phänomenalistische Aussage könne nicht falsch sein.


Die Lösung scheint auf jeden Fall technisch darin zu liegen, dass man mit einer Aussagen/Behauptung auch Festlegungen eingeht und zwar in aller Regel, nicht nur explizite Festlegungen, die Aussage betreffend, wie: „Das ist blau.“

Wer das behauptet, behauptet nicht nur, dass etwas blau ist und nicht rot, sondern implizit auch noch, dass er eine Aussage über Farben gemacht hat (und nicht über Form oder Temperatur) und das er als Sprecher kompetent ist Farben von Form und Temperatur und anderem zu unterscheiden, sowie Farben zu unterscheiden.
So ist man durch eine explizite Aussage auf weitere implizite Aussagen festgelegt und so entsteht ein logisches Netzwerk von Aussagen, die ineinandergreifen und sich wechselseitig stützen, aber eben nicht nur als rein logische Aussage, sondern auch mit dazugehörenden praktischen Festlegungen.


@ ujmp:

ujmp hat geschrieben:Ich meine nicht "mit roten Gegenständen", sondern mit einem gleichförmigen Reiz im Auge, der durch unterschiedliche Gegenstände angeregt wird, welche ein Lichtspektrum mit bestimmten Wellenlängen emittieren. Frag im Kaufhaus eine Verkäuferin nach roten Socken. - Wenn sie dir bringt was du bei dem Begriff "rot" erwartest, darfst du vermuten, dass ihr Begriff "rot" mit der selben Farbe korrespondiert, wie deiner.


Stell Dir vor, ein Mensch sieht bei einer bestimmten Wellenlänge rot, ein anderer hingegen blau.
Wenn nun beide lernen, dass die Farbe von Tomaten, Blut und Feuerlöschern „rot“ genannt wird, ist der reale Farbeindruck den sie haben egal, sie könnten an dieser Stelle nicht feststellen, dass sie unterschiedlich wahrnehmen.

Wittgenstein argumentiert so, wenn er sagt:
Ludwig Wittgenstein hat geschrieben:Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin
wäre etwas, was wir »Käfer« nennen. Niemand kann je in die
Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom
Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. - Da könnte es ja sein, daß
Jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. Ja, man könnte sich
vorstellen, daß sich ein solches Ding fortwährend veränderte. - Aber
wenn nun das Wort »Käfer« dieser Leute doch einen Gebrauch hätte?
- So wäre er nicht der der Bezeichnung eines Dings. Das Ding in der
Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel; auch nicht einmal
als ein Etwas: denn die Schachtel könnte auch leer sein. - Nein, durch
dieses Ding in der Schachtel kann ›gekürzt werden‹; es hebt sich weg,
was immer es ist.
(Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, 293.)
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon ujmp » So 2. Dez 2012, 10:15

(Mal nebenbei: du verwunderst mich gelegentlich, z.B. wenn nicht weißt, dass nur Aussagen wahr oder flasch sein können, was in wirklich jedem Logik-Lehrbuch steht und dann aber mit Wittgenstein ankommst.)

Vollbreit hat geschrieben:Stell Dir vor, ein Mensch sieht bei einer bestimmten Wellenlänge rot, ein anderer hingegen blau.
Wenn nun beide lernen, dass die Farbe von Tomaten, Blut und Feuerlöschern „rot“ genannt wird, ist der reale Farbeindruck den sie haben egal, sie könnten an dieser Stelle nicht feststellen, dass sie unterschiedlich wahrnehmen.


Auf diese Idee bin ich mal als 12-Jähriger gekommen, als ich an einer Ampel stand. Es ist aber nicht die Frage, wie sich eine bestimmte Wellenlänge für jemand anderes anfühlt, es ist nur die Frage, ob wir diese Wellenlänge als gleich identifizieren können. Ein Problem wäre es, wenn der Andere diese Wellenlänge nicht konstant wahrnehmen würde. Während ich also wiederholt den selben Farbeindruck hätte, den ich "rot" nenne, würde er mal Rot, mal Gelb, mal Grün sehen. Dieses konstruierte Problem lässt sich aber nicht beobachten. Wenn ich dir empfehle, nur bei "Grün" über die Straße zu gehen, wirst du nicht bei "Rot" loslaufen - sonst würde dich das Prinzip der natürlichen Auslese in Schwierigkeiten bringen. ;-)

Wir können uns offensichtlich prima über Farben verständigen. (Wilhelm Ostwald hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Differenzierbarkeit von Farbunterschieden praktischerweise irgendwo begrenzt ist, wir könnten sonst Farben nicht als gleich ansehen). Der Fehler in deiner Fragestellung besteht m.e. darin, dass man den Farbreiz (die Anregung der Nervenzellen im Auge) trennt von dem Farbempfinden (der Vorstellung "rot"). Die Vorstelllung "rot" ist ja die Vorstellung des Reizes. Insofern wir nämlich Farbwörter durch Vergleich von gleichwahrgenommenen Farbreizen lernen, ist ein Farbwort auch an etwas äußeres - speziell an bestimmte Lichtspektren - gebunden. Und gerade weil wir uns über Lichtspektren verständigen können, haben sie eine von uns unabhängige Realität.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon ujmp » So 2. Dez 2012, 13:12

Wittgensteins Gedankenexperiment abgewandelt:

Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir »rötlich« nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom Anblick s e i n e s Rötlichen, was "rötlich" ist. Da könnte es ja sein, daß Jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte.

- Ja, das stimmt. Wir lernen aber Begriffe, über die wir uns verständigen, nicht durch den individuellen Anblick sondern durch einen gemeinsamen Anblick. Was "wir" rötlich nennen, ist etwas Gemeinsames.


Ja, man könnte sich vorstellen, daß sich die Farbe des Dinges fortwährend veränderte. - Aber wenn nun das Wort »Rötlich« dieser Leute doch einen Gebrauch hätte? - So wäre er nicht der der Bezeichnung eines Dings.

- "Rötlich" bezeichnet kein Ding, sondern eine Vorstellung. "Käfer" bezeichnet auch kein Ding, sondern dessen Vorstellung, welche unverändert bleibt, auch wenn aus dem Käfer in der Schachtel ein Streichholz werden würde. Die Vorstellung "Käfer" würde dann nicht mehr mit dem Ding in der Schachtel korrespondieren. Auch wenn es keinen einzigen Käfer auf der Welt gäbe, kann doch die Vorstellung davon bestehen. Es gibt jede Menge Vorstellungen, die existieren, bevor sie mit etwas Wirklichem korrespondieren - alle unsere Erfindungen z.B..
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon Vollbreit » So 2. Dez 2012, 13:57

ujmp hat geschrieben:(Mal nebenbei: du verwunderst mich gelegentlich, z.B. wenn nicht weißt, dass nur Aussagen wahr oder flasch sein können, was in wirklich jedem Logik-Lehrbuch steht und dann aber mit Wittgenstein ankommst.)


Wo habe ich denn je bestritten, dass etwas anderes als Aussagen Wahrheit beanspruchen kann?
Meines Wissens nirgends.
Mir war nicht klar, dass Behauptungen und Aussagen synonyme Begriffe sind, weil ich wohl zu Unrecht davon ausgegangen bin, dass das was Myron unter Ausrufesätze klassifiziert, keine Aussagesätze sind. Nachvollziehbar?

Generell ist Deine Aussage aber nicht unberechtigt, was ich meinem eher unsystematischen Lernstil zuschreibe und ich bin immer dankbar, wenn man Lücken gefüllt werden, will das dann aber auch verstehen, darum bin ich da manchmal etwas penetrant.

ujmp hat geschrieben:Es ist aber nicht die Frage, wie sich eine bestimmte Wellenlänge für jemand anderes anfühlt, es ist nur die Frage, ob wir diese Wellenlänge als gleich identifizieren können.


Ja, kann man, mit Tests für Farbenblinde.

ujmp hat geschrieben:Ein Problem wäre es, wenn der Andere diese Wellenlänge nicht konstant wahrnehmen würde. Während ich also wiederholt den selben Farbeindruck hätte, den ich "rot" nenne, würde er mal Rot, mal Gelb, mal Grün sehen. Dieses konstruierte Problem lässt sich aber nicht beobachten. Wenn ich dir empfehle, nur bei "Grün" über die Straße zu gehen, wirst du nicht bei "Rot" loslaufen - sonst würde dich das Prinzip der natürlichen Auslese in Schwierigkeiten bringen. ;-)


Das Problem was Du skizziert hast, ist tatsächlich eines, aber Wittgenstein verfehlst Du hier, der will nämlich auf den Umstand hinaus – man kann ihn zumindest so interpretieren und das lässt sich schwer entkräften –, dass unsere Welt wesentlich sprachlich konstituiert ist.

Heißt hier konkret: Wenn Du regulär rot siehst und Dein gedachter mit Dir identischer Zwillingsbruder alles so wahrnimmt wie Du, nur statt rot meinetwegen grün sieht und bei der Abrichtung auf den Begriff „rot“ anhand einer Tomate (die Du rot siehst, er grün) beide lernt dass die Farbe dieser Tomate „rot“ genannt wird, ist es die simple Folge, dass Du Deine Rotwahrnehmung (der Tomate)„rot“ nennen wirst und er seine Grünwahrnehmung (derselben Tomate) auch „rot“ nennen wird.

In der Folge werdet ihr euch problemlos drüber einig werden, dass Tomaten rot sind, aber dennoch etwas anderes sehen.

Meines Erachtens liegt Wittgenstein – falls das seine Vorstellung ist, das ist bei ihm nicht immer leicht rauszufinden – hier dennoch falsch. Nur kann man das erst im großen Stile erkennen und ich bin zu der gleichen Überzeugung gelangt wie Du, wir könnten uns gar nicht unterhalten, wenn unsere Sinneswahrnehmungen nicht sehr ähnlich – aber nicht identisch – wären.
Denn wie würde denn Dein Zwillingsbruder den grünen Stil und das Blattwerk der Tomaten sehen? Gleichfarbig? Oder sieht er stattdessen vielleicht gelb (und würde es, da korrekt abgerichtet, nur richtigerweise „grün“ nennen)?

Aber gerade das Ineinandergreifen von Sprachspielen und Festlegungen lässt Wittgensteins Idee hier nicht aufgehen. Sinnliche Abweichungen fallen früher oder später sehr wohl auf und wenn – Dein Gedanke – buchstäblich alle unterschiedliche Wahrnehmungen hätte, könnte der Rot/Grün-Blinde nicht über Jahre durchkommen, indem er getreu Wittgensteins Idee lernt, was „rot“ genannt wird und anhand anderer Kriterien wie Form, Größe, Gewicht, Textur, Geruch zuordnet, dass das wohl eine Tomate ist und darum rot sein muss oder oben in der Ampel leuchtet und darum rot sein muss und so weiter.

Geringfügige Abweichungen in der Wahrnehmung können genau deshalb toleriert werden, weil man sich durch begriffliche Erschließungen (z.B. weitere Prädikationen) Umwege erlauben kann, die es einem dennoch ermöglichen, eine Farbe richtig zu benennen, die man so nicht sieht.
Würde einer alle paar Stunden etwas anders sehen oder mehr noch, jeder anders wahrnehmen, fiele eine begriffliche Präzisierung flach, da jeder Versuch einer Klärung nur neue, größere Verwirrung stiften müsste.

So kann man zweierlei schließen:
Erstens, es muss ein Reservoir (wie eine Kollegin es mal treffend nannte) an sinnlichen Wahrnehmungen geben, die wir alle teilen und die sehr ähnlich sein müssen (aber nicht identisch).
Zweitens, die Kiste mit dem Käfer die jeder gedacht vor sich hat, kann nicht leer sein und die Käfer müssen sogar sehr ähnlich sein.
(Drittens, sieht es anders aus, wenn man unterstellt, dass in der Verwendung von Begriffen praktische Festlegungen und Fähigkeiten schon implizit enthalten sind.)

ujmp hat geschrieben:Wir können uns offensichtlich prima über Farben verständigen. (Wilhelm Ostwald hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Differenzierbarkeit von Farbunterschieden praktischerweise irgendwo begrenzt ist, wir könnten sonst Farben nicht als gleich ansehen). Der Fehler in deiner Fragestellung besteht m.e. darin, dass man den Farbreiz (die Anregung der Nervenzellen im Auge) trennt von dem Farbempfinden (der Vorstellung "rot"). Die Vorstelllung "rot" ist ja die Vorstellung des Reizes.


Die Vorstellung rot ist die Konditionierung eines Reizes (mein Roterleben) zusammen mit einem Begriff („rot“). Üblicherweise gibt es da keine größeren Abweichungen, aus o.g. Gründen.

ujmp hat geschrieben:Insofern wir nämlich Farbwörter durch Vergleich von gleichwahrgenommenen Farbreizen lernen, ist ein Farbwort auch an etwas äußeres - speziell an bestimmte Lichtspektren - gebunden. Und gerade weil wir uns über Lichtspektren verständigen können, haben sie eine von uns unabhängige Realität.


Nö.
Bzw., was soll unabhängige Realität heißen?
Zuletzt geändert von Vollbreit am So 2. Dez 2012, 14:07, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon Vollbreit » So 2. Dez 2012, 14:06

ujmp hat geschrieben:Wittgensteins Gedankenexperiment abgewandelt:

Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir »rötlich« nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse nur vom Anblick s e i n e s Rötlichen, was "rötlich" ist. Da könnte es ja sein, daß Jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte.

- Ja, das stimmt. Wir lernen aber Begriffe, über die wir uns verständigen, nicht durch den individuellen Anblick sondern durch einen gemeinsamen Anblick. Was "wir" rötlich nennen, ist etwas Gemeinsames.


M.E. ist der Schluss richtig, aber Deine Begründung ist mir nicht klar.

ujmp hat geschrieben:Ja, man könnte sich vorstellen, daß sich die Farbe des Dinges fortwährend veränderte. - Aber wenn nun das Wort »Rötlich« dieser Leute doch einen Gebrauch hätte? - So wäre er nicht der der Bezeichnung eines Dings.

- "Rötlich" bezeichnet kein Ding, sondern eine Vorstellung. "Käfer" bezeichnet auch kein Ding, sondern dessen Vorstellung, welche unverändert bleibt, auch wenn aus dem Käfer in der Schachtel ein Streichholz werden würde.


Wo sollte die herkommen? Aus dem platonischen Ideenhimmel? Oder aus der transzendentalen Vorstellung des Käfers an sich?

ujmp hat geschrieben:Die Vorstellung "Käfer" würde dann nicht mehr mit dem Ding in der Schachtel korrespondieren. Auch wenn es keinen einzigen Käfer auf der Welt gäbe, kann doch die Vorstellung davon bestehen.


Wie?

ujmp hat geschrieben:Es gibt jede Menge Vorstellungen, die existieren, bevor sie mit etwas Wirklichem korrespondieren - alle unsere Erfindungen z.B..


Da gibt es ja andere Theorien, wie die von Hume, der sagt, dass all unsere Vorstellungen aus der Erfahrung kommen und selbst ein grünes Schwein mit Flügeln und Stützrädern nur ein Bild in uns hervorruft, weil wir die Einzelkompenenten kennen.

Einen „glöb“ mit einem „hümpf“ zu kombinieren, der über einen ausgeprägten „illgill“ verfügt, ist schon schwieriger.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon ujmp » So 2. Dez 2012, 14:30

Ein Vorstellung kann prinzipell auch zufällig oder durch einen kreativen Akt entstehen. Aber selbst Humes Rekombinationen sind in mindestens einer Eigenschaft neu: in ihrer Kombination.

Hier hast du deinen "illgill":

)ô(
(x)
)o(
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon ujmp » So 2. Dez 2012, 14:37

vollbreit hat geschrieben:aber Wittgenstein verfehlst Du hier, der will nämlich auf den Umstand hinaus – man kann ihn zumindest so interpretieren und das lässt sich schwer entkräften –, dass unsere Welt wesentlich sprachlich konstituiert ist.

Unsere Vorstellungen sind zweifellos sprachlich konstituiert, aber unsere Vorstellungen sind eben nicht die Welt. Im günstigsten Fall korrespondieren sie aber mit dieser.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon Vollbreit » So 2. Dez 2012, 15:04

Das ist die große metaphysische Behauptung dahinter.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon ujmp » So 2. Dez 2012, 16:06

Dass unsere Vorstellungen nicht mit der Welt korrespondieren müssen, ist ja als alltägliche Beobachtung das eigentliche Wahrheitsproblem. Ich meine nicht als Problem von Sophistereien, sondern als Problem des Wissens über die Welt, als Problem des Überlebens. Ich glaube, dass es nicht kompliziert ist. Was uns hindert, klar zu sehen sind vermutlich überzogene Erwartungen an unsere prinzipielle Erkenntnisfähigkeit. Ich kann es akzeptieren, dass es bei Vermutungen bleiben wird.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon Myron » So 2. Dez 2012, 17:14

Vollbreit hat geschrieben:Stimmt, Behauptungen und Aussagen sind Synonyme, wusste ich gar nicht.


Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, dass die Wörter "Behauptungssatz" und "Aussagesatz" Synonyme sind, nicht dass Behauptungen dasselbe sind wie Aussagen.

"Nicht immer liegt im Behauptungssatze eine Behauptung."

(Frege, Gottlob. "Logik." 1897. In Gottlob Frege: Schriften zur Logik und Sprachphilosophie; Aus dem Nachlass, hrsg. v. Gottfried Gabriel, 4. Aufl., 35-73. Hamburg: Meiner, 2001. S. 37)

Denn man kann eine Aussage/einen Aussagesatz äußern, d.h. aussprechen oder aufschreiben, ohne sie/ihn zu behaupten, d.h. ohne sie/ihn als wahr hinzustellen. Die bloße Äußerung einer Aussage/eines Aussagesatzes stellt noch nicht den Sprechakt der Behauptung dar. So sind die Äußerungen von Schauspielern in ihren Rollen nur Scheinbehauptungen. Aussagesätze sind sprachliche Gebilde, aber keine Sprechakte.
(Man kann eine Aussage übrigens auch denken, ohne sie für wahr zu halten. Entsprechend unterscheidet Frege zwischen Denken und Urteilen, wobei er unter Letzterem das Anerkennen der Wahrheit eines Gedankens, einer Aussage versteht.)

Vollbreit hat geschrieben:Was ist eigentlich mir Sätzen wie: „Mir ist kalt.“ oder „Ich habe Hunger.“?
Die meinte ich eigentlich als Gegensatz zur Behauptung (was aber falsch ist).
Sie stellen ja eine Behauptung dar, gleichzeitig ist der einzige, der kompetent ist zu bewerten, ob es sich um eine Tatsache handelt, der Aussagende selbst.


Ja, dabei handelt es sich um introspektiv gewonnenes, privates Selbstwissen über die eigene innere Befindlichkeit.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon ujmp » Mo 3. Dez 2012, 08:36

Myron hat geschrieben:Noch ein Wort zur Sprachunabhängigkeit abstrakter Gedanken: Damit kann gemeint sein, dass sie von bestimmten Sprachen unabhängig sind oder von allen Sprachen, d.h. von Sprache überhaupt.
In letzterem Fall (der den ersteren einschließt) können Gedanken auch dann existieren, wenn sie niemals sprachlich, d.i. mithilfe eines Aussagesatzes, ausgedrückt werden. Diese Auffassung macht Gedanken/propositions zu platonischen, d.i. ewigen, nichtraumzeitlichen Entitäten, deren Existenz nicht davon abhängt, dass sie von irgendwelchen denkenden Wesen gedacht werden. An solche abstrakten Entitäten mag glauben, wer will; ich als Naturalist kann es jedenfalls nicht.
Aus naturalistischer Sicht ist es beispielsweise völlig rätselhaft, wie ein Mensch, der innerhalb von Raum und Zeit lebt, eine geistige Verbindung zu einem außerraumzeitlichen Gedanken herstellen könnte, der wohlgemerkt kein Denkvorgang in einem Gehirn ist. Durch eine mysteriöse Art übersinnlicher Wahrnehmung vielleicht?



Bild

Man kann sich "Information" leicht vorstellen, wenn man dabei an eine Lochkarte denkt. Die darin enhaltene Information besteht nur zusammen mit ihrer materiellen Struktur. Die Lochkarte kann Automaten steuern und steuert alle Atomaten gleich, die gleicher Bauart sind. Eine Datenverarbeitungsmaschine wird also anders reagieren, als ein Dokumentenvernichter.

Mit menschlichen Gedanken verhält es sich genau so. Sie bestehen in irgendeiner materiellen Struktur und können nur von Menschen ausgewertet werden.

Es kann durchaus sein, dass eine Lochkarte durch zufall entsteht oder dass ein Automat anderer Baurart diese Karte liest und ihn auf eine unerwartete Weise steuert. Dieser "Gedanke" ist aber nicht ewig sondern nur neu. Kann auch sein, dass eine Karte niemals gelesen wird. Das ist aber dann keine Information, weil sie nichts steuert.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon Vollbreit » Mo 3. Dez 2012, 16:18

ujmp hat geschrieben:Dass unsere Vorstellungen nicht mit der Welt korrespondieren müssen, ist ja als alltägliche Beobachtung das eigentliche Wahrheitsproblem. Ich meine nicht als Problem von Sophistereien, sondern als Problem des Wissens über die Welt, als Problem des Überlebens.


Was genau meinst Du denn, wenn Du von Überlebensproblemen sprichst?

ujmp hat geschrieben:Ich glaube, dass es nicht kompliziert ist. Was uns hindert, klar zu sehen sind vermutlich überzogene Erwartungen an unsere prinzipielle Erkenntnisfähigkeit. Ich kann es akzeptieren, dass es bei Vermutungen bleiben wird.


Was soll das heißen: Dass es Wahrheit Deiner Meinung nach überhaupt nicht gibt?



Myron hat geschrieben:Denn man kann eine Aussage/einen Aussagesatz äußern, d.h. aussprechen oder aufschreiben, ohne sie/ihn zu behaupten, d.h. ohne sie/ihn als wahr hinzustellen. Die bloße Äußerung einer Aussage/eines Aussagesatzes stellt noch nicht den Sprechakt der Behauptung dar. So sind die Äußerungen von Schauspielern in ihren Rollen nur Scheinbehauptungen. Aussagesätze sind sprachliche Gebilde, aber keine Sprechakte.


Oder sowas wie: „Myron sagt, dass man Aussagesätze auch aufschreiben kann, ohne sie zu behaupten“?

Myron hat geschrieben:(Man kann eine Aussage übrigens auch denken, ohne sie für wahr zu halten.


Also, wenn jemand denkt, was für einen Theisten daraus folgt, dass er an Gott glaubt, wenn man selbst Atheist ist?

Myron hat geschrieben:Entsprechend unterscheidet Frege zwischen Denken und Urteilen, wobei er unter Letzterem das Anerkennen der Wahrheit eines Gedankens, einer Aussage versteht.)


Wäre für Kant schon wieder anders:
Robert Brandom hat geschrieben: „Für die vorkantische Tradition war ausgemacht, dass die semantische Erklärung mit einer Lehre von den Begriffen oder Termini (eingeteilt in singuläre und generelle) anzufangen sei. Auf dieser Grundlage erklärt dann eine Lehre von den Urteilen die Kombination von Begriffen zu Urteilen und wie die Richtigkeit der entstandenen Urteile davon abhängt, was wie kombiniert wurde. Schließlich erklärt eine Lehre von den Konsequenzen die Kombination von Urteilen zu Folgerungen und wie die Richtigkeit der Inferenzen davon abhängt, was wie kombiniert wurde.
Kant lehnt das ab. Eine seiner tiefgreifendsten Neuerungen ist die Behauptung, dass der Gegenstand des Bewusstseins oder der Erkenntnis, das kleinste Begreifbare, das Urteil sei. „Wir können aber alle Handlungen des Verstandes auf Urteile zurückführen, so dass der Verstand überhaupt als ein Vermögen zu urteilen vorgestellt werden kann.“ Etwas als Klassifiziertes oder Klassifizierendes aufzufassen ist für ihn nur als Bemerkung zu dessen Rolle im Urteil sinnvoll. Ein Begriff ist nichts anderes als ein Prädikat eines möglichen Urteils, und deshalb gilt: „Von diesen Begriffen kann nun der Verstand keinen anderen Gebrauch machen, als dass er dadurch urteilt.“ Für Kant muss also die Diskussion des Gehalts bei den Gehalten von Urteilen anfangen, denn alles andere hat nur insofern Gehalt, als es zu den Gehalten von Urteilen beträgt. Deshalb kann seine transzendentale Logik die Voraussetzungen des Gehaltverfügens anhand der Kategorien untersuchen, d.h. der „Funktion[en] der Einheit in den Urteilen.““
(Brandom, Expressive Vernunft, 1994, dt. 2000, Suhrkamp, S.139)


Was würde denn den Kant’schen Urteil bei Frege entsprechen oder ist das nicht nur eine Frage der semantischen Zuordnung?

Myron hat geschrieben:
Vollbreit hat geschrieben:Was ist eigentlich mit Sätzen wie: „Mir ist kalt.“ oder „Ich habe Hunger.“?

Sie stellen ja eine Behauptung dar, gleichzeitig ist der einzige, der kompetent ist zu bewerten, ob es sich um eine Tatsache handelt, der Aussagende selbst.


Ja, dabei handelt es sich um introspektiv gewonnenes, privates Selbstwissen über die eigene innere Befindlichkeit.


Das man dadurch gewinnt, dass man öffentliches Vokabular (im Sinne der Sprachgemeinschaft) richtig zu gebrauchen versteht.
Was macht für Dich diesen Raum des eigenen Inneren aus, wodurch wird er erschaffen?
Er folgt ja den gleichen logisch-diskursiven Regeln, man rechtfertigt ja auch vor sich seine Einstellungen.
Wo ist der Unterschied zum Intersubjektiven, wie korrigierbar oder unkorrigierbar ist dieser Innenraum und wie schätzt Du seine Relevanz ein, im Vergleich zu Meinungen aus dem intersubjektiven Pool.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon ujmp » Mo 3. Dez 2012, 19:39

Vollbreit hat geschrieben:
ujmp hat geschrieben:Ich glaube, dass es nicht kompliziert ist. Was uns hindert, klar zu sehen sind vermutlich überzogene Erwartungen an unsere prinzipielle Erkenntnisfähigkeit. Ich kann es akzeptieren, dass es bei Vermutungen bleiben wird.


Was soll das heißen: Dass es Wahrheit Deiner Meinung nach überhaupt nicht gibt?

Doch, Wahrheit gibt es. "Wahrheit" ist ein Modell, nach welchem eine Vorstellung "wahr" genannt wird, wenn sie mit der Wirklichkeit korrespondiert. Ich kann aber a) nicht sicher sein dass meine Vorstellung wahr ist und ich vermute b) dass es eine 100%ige Korrespondenz nicht geben kann, da ein Gehirn immer eine andere Struktur hat, als die Wirklichkeit, die es sich vorstellt. Vorstellungen können sich aber der Wahrheit annähern oder sich auch von ihr entfernen. Und man kann sich der Wahrheit auch mit unterschiedlichen Vorstellungen nähern.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon Myron » Mo 3. Dez 2012, 21:52

Vollbreit hat geschrieben:
Myron hat geschrieben:Entsprechend unterscheidet Frege zwischen Denken und Urteilen, wobei er unter Letzterem das Anerkennen der Wahrheit eines Gedankens, einer Aussage versteht.)

Wäre für Kant schon wieder anders: …


Mag sein, doch Frege bringt es einfacher auf den Punkt:

"Ein eigentlicher Gedanke ist entweder wahr oder falsch. Wenn wir über ihn urteilen, so erkennen wir ihn entweder als wahr an oder wir verwerfen ihn als falsch."

(Frege, Gottlob. "Logik." 1897. In Gottlob Frege: Schriften zur Logik und Sprachphilosophie; Aus dem Nachlass, hrsg. v. Gottfried Gabriel, 4. Aufl., 35-73. Hamburg: Meiner, 2001. S. 69)

60 Jahre früher schreibt Bernard Bolzano:

"Ein Urteil in eigentlicher Bedeutung ist nämlich ein Satz, den irgendein denkendes Wesen für wahr hält."

"In den Begriffen, welche die Worte: Behaupten, Entscheiden, Meinen, Glauben, Fürwahrhalten, und andere ähnliche bezeichnen, liegt ein gewisser gemeinschaftlicher Bestandteil, der in jedem derselben nur noch mit einem eigenen Nebenbegriff verbunden ist. Lassen wir nun diese Nebenbegriffe weg, und denken uns bloß, was die Bedeutungen jener Worte Gemeinschaftliches haben: so denken wir uns das, was ich Urteilen nenne."

(Bolzano, Bernard. Wissenschaftslehre. Bd. 1. 1837. §§22+34)

Zum Begriff <Urteil> siehe: http://www.textlog.de/5310.html

Vollbreit hat geschrieben:
Myron hat geschrieben:Ja, dabei handelt es sich um introspektiv gewonnenes, privates Selbstwissen über die eigene innere Befindlichkeit.

Das man dadurch gewinnt, dass man öffentliches Vokabular (im Sinne der Sprachgemeinschaft) richtig zu gebrauchen versteht.
Was macht für Dich diesen Raum des eigenen Inneren aus, wodurch wird er erschaffen?


Introspektion ist Selbstbeobachtung/-betrachtung, Wahrnehmung der eigenen psychischen Zustände oder Vorgänge. Sie ist eine elementare Erkenntnisquelle.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon Vollbreit » Mo 3. Dez 2012, 22:45

ujmp hat geschrieben:Doch, Wahrheit gibt es. "Wahrheit" ist ein Modell, nach welchem eine Vorstellung "wahr" genannt wird, wenn sie mit der Wirklichkeit korrespondiert. Ich … vermute b) dass es eine 100%ige Korrespondenz nicht geben kann, da ein Gehirn immer eine andere Struktur hat, als die Wirklichkeit, die es sich vorstellt.


Wenn Du mit 100%ig eine umfassende Schau aller Tatsachen meinst, dann ist das banal, das brauchst Du nicht zu vermuten, das ist sicher.

Wenn Du mit 100%ig meinst, dass es keine Übereinstimmung gibt, dann gibt es keine Wahrheit.

Wenn Du mit 100%ig meinst, dass wir nie sicher sein können, teilst Du im Grunde meine Kritik und beschriebst dann in der Folge eigentlich das Problem selbst:
ujmp hat geschrieben:Vorstellungen können sich aber der Wahrheit annähern oder sich auch von ihr entfernen. Und man kann sich der Wahrheit auch mit unterschiedlichen Vorstellungen nähern.


Woher nehmen wir den Kompass, der uns zeigt, ob wir uns nun gerade der Wahrheit annähern, parallel zu ihr segeln oder uns sogar volle Kraft entfernen?
Ich kann mit dieser merkwürdigen Mischung ein Kriterium zu benennen, dass man dann doch nicht überprüfen kann, so wenig anfangen.

Aber da von euch da niemand Bauchschmerzen hat, gehe ich erst mal davon aus, dass der Fehler bei mir liegt. Ich weiß gerade nur nicht wo.

Die Idee habe ich schon kapiert:
Man hat die Definition der Wahrheit: Übereinstimmung Aussagesatz und Tatsache.
Man kann nicht sicher sein, dass die Theorie, die man aufgestellt hat auch wahr ist, weiß aber, was Wahrheit deinfitionsgemäß ist, hat ein Kriterium.
Für mich klingt das nach wie vor nicht wahnsinnig überzeugend.

Du erzählst nun, es gäbe Annäherungen und Abirrungen, von der Wahrheit (die niemand kennt, da man sich ja irren kann und nicht weiß, ob man sich irrt). Also, was gibt mir überhaupt irgendeine Sicherheit?

Der beste Kandidat ist da noch der Funktionalismus. Von Weizsäcker hat dafür ein Argument, was in meine Augen eher eine Appellfunktion hat, aber es ist nicht ganz schlecht. Er sagt so ungefähr: Wer eine Theorie aufstellt, die, wenn sie praktisch verifiziert wird, punktgenau eine Sonde auf dem Mars landen lassen kann, kann so falsch nicht liegen.
Das ist logisch unsauber, weil ein empirisches Ereignis nie ein logisches Argument ersetzen kann und weil es obendrein eben doch die Möglichkeit gibt, dass man sich dennoch irrte. Ist dieser Rest gegeben hat sich das mit der prinzipiellen Wahrheit erledigt, wie Brandom argumentiert.
Ansonsten: Was ist Dein Kompass?
Zuletzt geändert von Vollbreit am Mo 3. Dez 2012, 23:17, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Die Konsenstheorie der Wahrheit

Beitragvon Vollbreit » Mo 3. Dez 2012, 23:03

@ Myron:

Bolzano entspricht hier wohl weitgehend Kant.
Bei Frege ist man wieder bei der Korrespondenz (obwohl er ihr an anderer Stelle so wie ich ihn vertanden habe, widerspricht), denn was macht einen Gedanken wahr, wenn nicht, die Übereinstimmung mit irgendwas außerhalb von ihm? Mir ist nicht klar, wie er das auflösen will, woran ich praktisch den Unterschied zwischen einem falschen Gedanken und einem Urteil über einen Gedanken, von dem ich glaube, dass er falsch ist, erkennen kann.
Hast Du das kapiert?

Der Bogen müsste doch sein, zu fragen, wo der Gedanke herkommt.
Wie werde ich überhaupt in die Lage versetzt zu urteilen?
Wenn jeder Denkprozess ein Urteilen ist, dann muss Kant das sehr basal und vor allem präverbal meinen. Kants – m.E. sehr gültige – Botschaft ist, dass da irgendwas ist – die synthetische Einheit des Ich, hieß es glaube ich – dass alles was aufgenommen wird schon irgendwo zu eben dieser Einheit ordnet.
Doch dieses Ich findet noch viel mehr zu sich, wenn es lernt Begriffe zuzuschreiben. Das was wir vermutlich mehrheitlich meinen, wenn wir „ich“ sagen, ist dieses, verbale Ich.

Was die Introspektion angeht, teile ich Deine Meinung.
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